Zum Nachdenken: Die Baumseele vergißt nie

So wie wir Menschen unsere Bäume behandeln, ist es nicht überraschend, dass ihr (gesunder) Bestand weiter abnimmt. Es wird die Zeit kommen, wo es nur noch wenig Baumflächen geben wird – und nicht mehr viele Arten.

Heute am späten Nachmittag wurde beim Nachbarn unterhalb ein Baum entfernt. Ich weiß nicht warum, er lebte am seitlichen Zaun, hatte nicht viel Laub abgeworfen – störte also eigentlich eher nicht, aber er wollte ihn wohl weghaben. Obwohl er da schon sehr viele Jahre stand und die Finken und Spatzen sehr gerne auf ihm landeten. Doch all das sah dieser Nachbar ja gar nicht, denn er ist kein Naturfreund, der sich im Garten gerne umsieht und das Wachsen oder die Vögel beobachtet. Er gehört zu der Sorte, der Äste und Blumen eher als überflüssig bis lästig einordnet. Aber er hat die Wohnung unter mir gemietet mit einem Garten – in dem er nie ist, außer es packt ihn mal wieder die Wut und er schneidet aggressiv alles ab was ihn stört. Das konnte ich schon zweimal beobachten. So auch den herrlich groß gewachsenen Rosenstrauch mit rosa-weißen Blüten, der jedes Jahr versucht, bis zu mir in das Obergeschoss hinaufzuwachsen. Was muss das für ein Mensch sein, der diese Rose so eiskalt kurz und klein gestutzt hat, bis nur noch ein mickriger Hauptstamm übrig blieb – und jeder neue Trieb auch sofort wieder abgezwackt wird? Er soll sich bloß nicht wagen, zu blühen….Rosen kann er wohl auch gar nicht leiden…

Heute musste also auch der Baum seinem Willen zum Opfer fallen. Eigentlich schon recht spät, denn jetzt im März hatte er sicher schon Knospen gebildet und wurde kräftig bis in die Spitzen versorgt. Ich wollte mich eigentlich nicht einmischen in diesen Akt, aber es sind nur ein paar Meter von meinem Balkon und er war die letzten 7,5 Jahre direkt vor mir in meinem Blickfeld. Ich konnte also nicht anders und setzte mich abends doch noch hin und spürte hinaus – zum kläglichen Überrest und dieser unsagbaren Leere darüber. Der feinstoffliche Körper, die Aura war noch da – verwirrt kam sie mir vor – suchend. Wo ist mein Körper nur hin? Plötzlich war er verschwunden.

Meinem Empfinden nach, ist es ein großer, großer Fehler, dass unsere Bäume mitten im Stamm abgesägt werden – das Wurzelwerk zurückbleibend. Es wäre so, als würde dem Menschen all seine Gliedmaßen mittendrin abgetrennt zum Körper. Die Natur macht so etwas nicht! Entweder reißt der Sturm den ganzen Baum um und aus der Erde, oder ein Teil des Stammes ist noch mit den Ästen verbunden. So ist es also nicht verwunderlich, dass an der Schnittstelle Chaos und Verzweiflung herrscht. Wo ist der Rest? Es wird versucht eine Verbindung wieder aufzubauen zu den oberirdischen Teilen – aber da ist nichts mehr.

Ich versuchte den verkrüppelten Reststamm zu beruhigen, eine dunkle Energie war fühlbar. Dann wandte ich mich an den feinstofflichen Körper und erklärte ihm was passiert war. Daraufhin wurde er sehr traurig, sodass auch ich Tränen in den Augen hatte. Und dann zerfiel der Lichtkörper in sich zusammen, sammelte sich in dem Reststamm und durfte das Geschehene betrauern. Kurz darauf entwich die Baumseele in eine helle Lichtsäule – aber glücklich und froh, fühlte sie sich nicht an. Was blieb ihr anderes übrig…?

Und so denke ich an all die standardmäßigen Rodungen, hunderttausendfach – die Wurzel im Boden lassend, den Stamm oberhalb durchtrennend. Wenn nun bei jedem einzelnen Baum, tatsächlich ein solcher Schockzustand und diese Trauer entsteht….!? Was haben wir nur angerichtet? Die Baumseelen vergessen nicht. Und sie werden sich zurückziehen aus einer Welt, in dem der Mensch kein Lebensgefühl mehr in sich trägt, für all die atmenden Baumseelen.

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