Was sagt ein Gemüse (m/w/d) in dieser Zeit?

Mein heutiger Gast ist ein Stück Gemüse und ich bin gespannt welche Meinung er/sie/es vertritt.

Befrager (ich): Guten Tag liebes Gemüse. Zuerst die Frage: Legen Sie wert auf eine passende Gender-Anrede, wie sie nun auch für die Tierwelt erschaffen wurde?
Gast: Das kannst Du halten wie Du lustig bist, mir ist das völlig Gemüse.

B: Verstehe, damit sind wir auch direkt beim Du – das finde ich auch sympatischer. Und lustig halte ich es heute tatsächlich.
Aus deiner etwas bodenständigeren Sicht auf die Dinge, wie schätzt du die aktuelle Lage in dieser Welt ein?

G: Das sehe ich auch genauso wie du. Es kümmert sich alles um dieses eine Ding mit der Spitze und das Drum herum – doch alles andere bleibt außer Acht.
Gibt es denn nichts Sinnvolleres im Leben? Wir sehen die Dinge gelassener auf uns zu kommen, denn als Gemüse hast du eh kaum Wahlmöglichkeiten.

B: Verstehe, weder Flucht nach Innen noch anderswohin ist für dich als Kohlrabi möglich. Das schafft so eine Art Gelassenheit, die Dinge zu akzeptieren wie sie sind?

G: Wir SIND gelassen, wir können gar nicht anders. Sieh mal, wie lange wir uns schon auf diesem Planeten befinden und was wir schon alles sehen und erleben mussten.
Es ist Zeit, dass die Menschheit erwacht und erkennt, welche Schönheit in uns und um sie herum steckt. Wir können das nicht für euch tun, nicht von hier unten aus.

B: Bewunderswert. Obwohl du, ihr wisst, dass ihr nur gepflanzt werdet um verspeist zu werden, redet ihr von der Schönheit der Welt. Kannst du das noch etwas genauer ausführen?

G: Wir sind nicht gekommen um Spaß zu haben (so wie die Menschheit sich erlaubt Spaß zu haben) wir haben einen Auftrag, eine Aufgabe mitbekommen und darauf sind wir unglaublich stolz.
Keiner wie wir opfert sich in so einer Art und Form auf, wie wir es als Gemüse-Gemeinschaft tun. Sieh nur die riesigen Anbauflächen mit unserer Art. Wir könnten das alles gar nicht ertragen, würde uns die Erfüllung darin fehlen.

B: Ich bin sehr gerührt über diese weisen Worte. Damit habe ich ehrlich gesagt gar nicht gerechnet von einem Kohlrabi.

G: Wer sagt, dass ich ein Kohlrabi bin?
B: Du siehst aus wie einer.
G: Das mag schon sein. Aber wer steckt dahinter?
Ich überlegte…und dann kam ein DU aus dem Nichts geflogen!

B: Ich stecke mit meinem Geist in Dir, meintest du? Lach…ja, das kann gut sein…
G: Nein, du BIST ich genauso wie du ein Teil von Allem bist. Das dürftest du wohl nicht vergessen haben, oder doch?

B: Also willst du mir nun sagen, ich führe lediglich ein Selbstgespräch mit meinem Selbstbild als Gemüse?
G: So kann es formuliert werden, ja 🙂

B: Also ganz ehrlich, das wird mir jetzt zu peinlich…ich als Kohrabi…und esse mich später selbst auf.
G: Hahaha, endlich siehst du ein, dass es lächerlich ist über so etwas zu schreiben oder nachzudenken.
Es sind deine Gedanken, die das hier schreiben. Obwohl du natürlich einen besseren Zugang zur Natürlichkeit und Wahrheit erhältst, wenn du dich mit einem Gemüse geistig verbindest.

B: Ich mag dich! Ich mag Ehrlichkeit und Einfachheit, so eine souveräne aber liebevolle Lässigkeit, die sich durch nichts aus der Ruhe bringen lässt und die Sache mit Humor trägt.
G: Das sagst du jetzt so einfach, nur ganz so leicht ist es eben nicht immer. Für keinen von uns! Das weißt du sicherlich. Wir tragen es mit Würde und mit Ehre – wie die Dinge auch immer kommen.

B: Eine letzte Frage habe ich aber noch: Was glaubst du, was die Menschen und dieser Planet jetzt am Dringendsten benötigen?

G: Dich! Deine Art die Dinge zu benennen, sie so anzusehen wie sie sind. Ich kenne keinen Menschen um mich herum, der die Dinge so sieht wie du es tust. Es ist schön bei dir zu sein, es tut gut dich zu hören.

B: Weißt du, dass ich solche Schmeicheleien überhaupt nicht leiden kann? Aber ich danke dir von Herzen, denn mit dieser Antwort habe ich nicht gerechnet.
Und weißt du, jetzt nach diesem kleinen Austausch hier, ist es mir unmöglich, dich zu schälen, zerteilen und zu verspeisen. Eigentlich wollte ich dich gestern bereits zubereiten, aber ich entschied mich nicht dazu. Und erst abends sah ich dieses schöne Lach-Gesicht-Motiv auf dir.
Wobei du auch andere Seiten hast! Eine mit einem neutralen Mund, eine mit heruntergezogenen Mundwinkeln, und einen ängstlichen Mund. Du hast alle Formen an und in dir.

Vielleicht habe ich es gestern unbewusst gespürt, denn du hattest eine lebende, grüne weiche Raupe auf dir – die ich im Kühlschrank erst für ein Stück Blatt hielt. Und in deiner Unterseite wohnt eine andere Mini-Raupe, die ich jetzt gerade erst entdeckt habe. Sie bohrte sich durch deine Oberfläche auf der Unterseite.
Und gerade scheinst du mich noch breiter anzugrinsen! Also ich höre nun mit all dem sentimentalen Quatsch auf, lasse dir und deinen Bewohnern ihre Würde und verzichte auf Dich als Mahlzeit. Ist das ein Deal?

G: Du bist der Chef. Aber ich nehme dein Angebot überaus begeistert an!
B: DANKE 💞 für euren Beitrag, liebes Gemüse 💞.

Foto: Kohlrabi, der eigentlich zum Essen gekauft war

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